Radverkehr seit Corona
Der Radverkehr in Köln war in den Wochen seit Beginn der Corona-Krise um bis zu 53% höher als im Vorjahr (Kalenderwoche 11). Dabei sind die Unterschiede zwischen den Zählstellen groß.

Bedingt durch die Schließung von Betrieben, Geschäften und der Universität gab es Rückgänge an den Zählstellen Neumarkt (-24% in Summe der KW10–18), Alphons-Silbermann-Weg (-18%) und Venloer Straße (-9%). Auf Vorjahresniveau waren die Werte auf der Hohenzollernbrücke, Deutzer Brücke und Bonner Straße.
An den Freizeitstrecken gab es in den Kalenderwochen 10–18 erheblich mehr Radverkehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres (Stadtwald +21%, Vorgebirgswall +26%, Vorgebirgspark +39%, Niederländer Ufer +62%, Alfred-Schütte-Allee +92%).
An der Alfred-Schütte-Alle wurden fast doppelt so viele Radfahrten registriert wie im Vorjahr. In sämtlichen neun Wochen des Betrachtungszeitraums lagen die Höchstwerte pro Tag dabei über denen des Vorjahres, und zwar um bis zu 3,5 Mal darüber. In sechs der neun Wochen wurde sogar der Jahreshöchstwert 2019 überschritten. Der dort bisher jemals höchste gemessene Wert (5.075 am 5. Mai 2016) wurde gleich an vier Tagen übertroffen – zuletzt sehr deutlich am 26. April 2020 (5.914).
Auch am Niederländer Ufer liegen die Höchstwerte kontinuierlich deutlich über denen des Vorjahres, der höchste bisher gemessene Wert (6.452 am 14. Juni 2015) wurde auch hier erreicht (6.456 am 26. April 2020).
Radverkehr in diesen Dimensionen überschreitet schon unter normalen Umständen die Kapazitätsgrenze dieser beiden Strecken, unter den Corona-Abstandsregeln entstehen aber unzumutbare Zustände. Für die dauerhafte Abwicklung von rund 6.000 Radfahrten pro Tag ist keiner der Wege geeignet. Zum Vergleich: Für den Radschnellweg Frechen wird eine Kapazität von 2.200 bis 6.300 Fahrten pro Tag kalkuliert. Hier ist ein Ausbaustandard, der eine physische Trennung von Rad- und Fußverkehr beinhaltet, zwingend notwendig und auch geplant.
Der „Radweg“ an der Alfred-Schütte-Allee entlang der Poller Wiesen ist ein Gehweg, auf dem Radfahrende als Gäste zugelassen sind – in beiden Fahrtrichtungen. Wenn die Drehbrücke für den Kfz-Verkehr gesperrt ist, wird es für Radfahrende attraktiver, die Fahrbahn nebenan zu benutzen. Der Gehweg wird so entlastet – auch wenn dies nur den Abschnitt zwischen Drehbrücke und Südbrücke betrifft, und damit ungefähr die Hälfte der gut zwei Kilometer langen Gesamtstrecke zwischen Drehbrücke und Abzweig zum Rhein-nahen Weidenweg in Richtung Rodenkirchener Brücke. Dass nun trotz der Sperrung während der gesamten Osterferien und an den Wochenenden derartige Spitzenwerte erreicht werden, zeigt, dass diese Maßnahme alleine das Radeln auf der Straße dort noch nicht attraktiv genug macht.
Das Niederländer Ufer ist ein gemeinsamer Geh- und Radweg im Zweirichtungsbetrieb. Hier kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Radfahrenden und zu Fuß Gehenden. Über die fehlende Trennung hatte es im vergangenen Jahr Streit zwischen der Bezirksvertretung Nippes und Verwaltung gegeben. Die Verwaltung lehnte eine Trennung ab, die Bezirksvertretung beschloss daraufhin, eine Verlegung des Radwegs prüfen zu lassen (übrigens wie in Nippes leider zu oft üblich ohne Konsultation der Verbände am Runden Tisch Radverkehr). Die eindrucksvollen Zahlen an der Dauerzählstelle geben einen Hinweis darauf, wie eng es auch weiter südlich entlang des Rheinufers und nördlich auf dem engen Niehler Damm zugeht.
Die Verkehrssituation hat sich seit Beginn der Corona-Krise dramatisch verändert. Zu Fuß Gehende und Radfahrende leiden noch mehr als sonst unter den bekannten Problemen und Engstellen. Die Stadtverwaltung kennt die Zahlen und erkennt die massiven Steigerungen an. Wie sie dennoch bisher daraus ableitete, es gebe überhaupt keinen Handlungsbedarf, ist unverständlich. Zuletzt hatte Oberbürgermeisterin Henriette Reker diese Lesart korrigiert, im Rahmen ihrer Pressemitteilung vom 28.04.2020. Verkehrsdezernentin Andrea Blome hat im WDR-Interview am 04.05.2020 Maßnahmen wie Pop-up Bike Lanes erneut eine Absage erteilt.
Die Verwaltung möchte für 3,3 Mio. Euro 80 weitere Dauerzählstellen für den Kfz- und den Radverkehr installieren (1,9 Mio. Euro Anschaffung zzgl. 1,4 Mio. Euro Wartung in den nächsten zehn Jahren). Dabei hat sie vor allem den „ungestörten Verkehrsfluss“, die „Leistungsfähigkeit des Verkehrssystems“ sowie die „effiziente sowie ressourcenschonende Verkehrsabwicklung“ im Blick. Diese Zielrichtung muss auf Radfahrende angesichts des städtischen Umgangs mit den aktuellen Radverkehrszahlen befremdlich wirken. Wie werden Radfahrende konkret von weiteren Zählstellen profitieren, wenn die Verwaltung nicht einmal angesichts eines explosionsartigen Anstiegs Maßnahmen ergreift? Nicht einmal unter den Rahmenbedingungen einer Pandemie, und nicht einmal temporär?
Dass die Verkehrssicherheit als oberster Maßstab der Verkehrssteuerung in der Verwaltungsvorlage erst gar nicht erwähnt wird, muss alle Kölnerinnen und Kölner besorgt machen – nicht nur die nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer. Die Verwaltung möchte die neuen Zahlen zudem dafür nutzen, Straßen „bedarfsgerecht und nachhaltig“ auszubauen. Die Politik sollte die Verwaltung daran erinnern, dass damit vor allem die aktive Reduzierung des Kfz-Verkehrs im Sinne der Ziele von Köln mobil 2025 gemeint sein muss.